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Sind lokale Marktplätze „The next big thing“ im Wettstreit um Onlineshopper?

In vielen Kommunen scheint es kein Halten mehr zu geben, wenn es darum geht, lokale Online-Marktplätze zu installieren, um Kunden zurück in die Innenstädte und zum stationären Handel zu bringen. „The next big thing“ im Internet wird allenthalben postuliert. Gemeint sind Anbieter wie Atalanda, LocaFox oder die neue eBay City-Initiative lokal & digital, die Einzelhändlern die Möglichkeit bieten, ihre Produkte über deren Online-Marktplatz zu verkaufen. Und es scheint tatsächlich „The next big thing“ zu sein, zumindest wenn es darum geht Fördermittel, kommunale Gelder oder schmale Budgets von Werbegemeinschaften etc. einzusetzen – für Lösungen, die seit Jahren wenig überzeugen.

Es stimmt schon, E-Commerce ist weiterhin auf dem Vormarsch und die Zuwächse um ein Mehrfaches höher als im stationären Einzelhandel. Die Leidtragenden dieser Entwicklung sind insbesondere die kleinen und mittleren, stationär agierenden Händler, deren Umsatz angesichts immer kleinerer Kundenströme in den Innenstädten in Gefahr ist.


Viel Hype um nichts?

Der Hype um lokale Online-Marktplätze begann mit Projekten wie der „Online-City Wuppertal“. Was schon zu Beginn im großen Medienecho unterging war, dass der Local-Commerce Marktplatz Atalanda eigentlich nur die technische Infrastruktur stellt. Alles andere, von der Anwerbung der Händler bis zum Marketing für die Plattform, ist Aufgabe der Händler, der Wirtschaftsförderung bzw. der Stadt. Die Funktion ist also letztlich vergleichbar mit Marktplätzen wie Amazon oder eBay, nur dass man nicht deren Reichweite und Frequentierung erreicht.

Betrachtet man sich das Atalanda-Projekt in Wuppertal kommt man ins Staunen: heute machen 58 Händler mit – von über 1.000 Einzelhandelsbetrieben (lt. IHK-Statistik 2017) in Wuppertal!  Der gesamte monatliche Umsatz der „Online-City Wuppertal“ soll sich laut eines Berichts der „Westdeutschen Zeitung“ auf lediglich 1.000 bis 1.300 Euro belaufen – verteilt auf alle Händler und aus 13.000 Artikeln. Stellt man dem die munter sprudelnde Förderung – allein 175 000 Euro vom Land, 350 000 Euro in 2018/19 von unterschiedlichen Unterstützern – gegenüber, ist tatsächlich die Frage erlaubt, was daran nun „The next big thing“ ist.

Zugegeben: in den unmittelbaren Umsatzzahlen sind solche Umsätze nicht erfasst, die im stationären Handel entstehen, weil sich Kunden vorher auf der Plattform im Internet informiert haben. Im Verhältnis auf die 350.000 Einwohner zählende Stadt, dürfte aber auch das kein „big thing“ aus dem Projekt machen.


Nicht ganz so einfach wie es scheint?

Ein großes Problem bei der Einführung solcher Projekte ist, dass bei den Händlern oftmals erst die Basis gelegt werden muss. D.h., bei vielen lokalen Händlern geht es noch äußerst traditionell zu – sie verfügen beispielsweise noch nicht über digitale Warenwirtschaftssysteme. Diese sind allerdings eine notwendige Voraussetzung, um die Produkte von technischen Dienstleistern wie Atalanda in den lokalen Marktplatz einlisten zu lassen. Die jeweiligen Händler müssen daher in der Anfangsphase intensiv begleitet werden. Sie haben einiges an Kosten zu stemmen und Zeit aufzuwenden. Angesichts des Umstandes, dass selbst bis heute der Bekanntheitsgrad der „Online-City Wuppertal“ in der Stadt erst bei etwa 3% liegt wird absehbar, wieviel Durchhaltevermögen gefordert ist, bis adäquat viele Händler teilnehmen und dem entsprechend Produkte im Portal gelistet sind, um die notwendige Bekanntheit zu erreichen. Apropos Kosten: Die laufenden Kosten durch den Portalbetreiber für die Händler entstehen im Wesentlichen aus den getätigten Umsätzen. Wenn dabei aber beispielsweise 8 % verrechnet werden, ist dies für die meisten Händler zu viel. Zumindest braucht es einiges an Überzeugungsarbeit bis zur Einsicht, dass etwa Miete, Personal und Betriebskosten entsprechend anders zu bewerten sind, wenn ein Produkt online verkauft wird.

Auch LocaFox schreibt sich auf die Fahne, den Offline- und Online-Handel zu verbinden, geht dabei aber einen etwas anderen Weg. Hier liegt der Focus darauf, Kunden aus dem Netz ins Geschäft zu ziehen. Zwar gibt es die LocaFox-Produktsuchmaschine in einigen Städten wie Bielefeld, Bochum, Berlin, Leipzig, Hamburg, Köln, Dortmund und München. Surft man aber durch diese Seiten, so erscheinen Produkt- und Händlervielfalt eher spärlich und auch zusammengefasst nicht unbedingt als ernst zu nehmendes Gegengewicht zu Amazon und Co. Vermutlich ist diese Erkenntnis auch der Grund dafür, warum man heute auf der Homepage von LocaFox die Produktsuchmaschine, mit der das Unternehmen ursprünglich angetreten ist, nicht findet. Stattdessen wird Einzelhändlern ein LocaFox POS Tablet-Kassensystem mit integrierter Warenwirtschaft angeboten, mit direkter Verbindung zu einem individuellen Online-Shop, des Anbieters PrestaShop. Als Anbindung zu einem externen Online-Shop wird ein automatischer Datenaustausch mit eBay offeriert. Für den einzelnen Händler sicher eine ordentliche Lösung, aber eben kein lokaler Marktplatz für eine Händlergemeinschaft in einer Kommune oder Region.

Noch vergleichsweise neu ist die eBay City-Initiative lokal & digital. Sie soll gezielt den städtischen Einzelhandel in ganz Deutschland bei der Digitalisierung unterstützen. Die Vorteile für Städte, resp. Werbegemeinschaften sind, dass sie durch die Teilnahme an der eBay City-Initiative einen individuellen Online-Marktplatz bei eBay mit eigener URL erhalten. Diese „Landingpage“ bietet immerhin die Möglichkeit einer gemeinsamen, regionalen Außenwerbung. Sie präsentiert die Einzelhändler im Steckbriefformat (wie bei den anderen Portalen auch) und deren Produkte im typischen eBay-Rahmen. Einziger Unterschied zu den „Kleinen“ wie Atalanda & Co. ist die Reichweite des „Großen“. Als Pionier und Vorzeigeprojekt gilt Mönchengladbach, wo die dortige Wirtschaftsförderung zusammen mit dem eWeb Research Center der Hochschule Niederrhein im Herbst 2015 das Pilotprojekt gestartet hat. Am Anfang haben sich 79 Geschäfte beteiligt, die bis Juni 2016 mehr als 160.000 Artikel im Gesamtwert von über 3,2 Millionen Euro verkauften und in 84 Länder lieferten. Aktive Händler konnten im Durchschnitt einen zusätzlichen Jahresumsatz von 90.000 Euro erzielen. Bis Juni 2017 wurde der Gesamtumsatz auf mehr als 6,7 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Die anfängliche Euphorie scheint sich zwischenzeitlich jedoch relativiert zu haben. Einerseits hat eine deutliche Bereinigung der beteiligten Geschäfte stattgefunden, wie auch die Mönchengladbacher Wirtschaftsförderung einräumt. Wer heute die „Landingpage“ https://ebay-city.de/moenchengladbach/ besucht, dem werden noch 25 Händler angezeigt. Außerdem: während die teilnehmenden Händler von dem Portal profitieren ergab eine Umfrage bei Einzelhändlern auf der Hindenburgstraße der 260.000-Einwohner-Stadt, dass die Innenstadt nur wenig von der eBay City-Initiative profitiert.


Fazit:

Jedes Konzept für einen regionalen Online-Marktplatz oder eine „Buy Local Initiative“ einer Kommune oder einer Werbegemeinschaft hat seine Berechtigung. Nur das Überstülpen eines Marktplatz-Systems oder einer rein Shop basierten Lösung ist zumindest kritisch zu sehen. Es muss nicht immer der Online-Shop sein und schon gar nicht der gemeinsame Online-Shop. Denn am Ende zählt was der Händler in der Kasse hat und das ist sicherlich nicht so viel wie er erhofft hat, als er seine Produkte mühsam einpflegte. Was allerdings der Hype um die Online-Marktplätze geschafft hat ist, dass stationäre Händler sich stärker mit dem Thema „Einzelhandel & Digitalisierung“ auseinandersetzen. Wenn es gelingt sich gemeinsam zu präsentieren, die Stärken auszuspielen und in das Bewusstsein der Kunden vor Ort zu bringen, dann ist das in jeder Kommune oder Werbegemeinschaft das „next big thing“.